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Die nachfolgenden Internetseiten der DZ BANK dürfen nur von Personen angesehen werden, deren dauerhafter Wohn-/Geschäftssitz in einem der Mitgliedsstaaten des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) mit Deutsch als Amtssprache oder in der Schweiz ist, die sich nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, oder Japan befinden und die keine „U.S.-Person“ gemäß Definition der „Regulation S“ des amerikanischen Wertpapiergesetzes „U.S. Securities Act“ von 1933 in der jeweils gültigen Fassung (im Folgenden „U.S.-Person“) sind. Die DZ BANK übernimmt insbesondere keine Verantwortung für die Verbreitung des Inhalts von Internetseiten gegenüber Personen, die nachfolgend falsche Angaben machen.

Ich habe meinen dauerhaften Wohn-/Geschäftssitz in einem Mitgliedsstaat des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) mit Deutsch als Amtssprache oder in der Schweiz und habe die Pflichtangaben und Interessenkonflikte / Rechtliche Hinweise gelesen und bin mit ihnen einverstanden. Ich bestätige, dass ich mich derzeit nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada oder Japan befinde, dass ich keinen dauerhaften Wohnsitz in den Vereinigten Staaten von Amerika habe und dass ich auch keine „U.S.-Person“ bin.

#3
Ausgabe

Zurück auf null

Europa auf dem ehrgeizigen Weg zur Klimaneutralität

Im Fokus
Thorsten Lange, Economist & Tanja Pecher, Redaktion
7 min
511 Leser
08.09.2021

Nach neuesten Erkenntnissen vollzieht sich der Klimawandel viel schneller als bislang von Experten prognostiziert. Um zu retten, was noch zu retten ist, geht Europa voran und setzt alles daran, bis 2050 klimaneutral zu werden. Gradmesser werden die Erfolge bis 2030 sein.

Mittlerweile sind selbst hierzulande die Auswirkungen des Klimawandels sichtbar: Statt durch üppige Fichtenbestände führt ein Waldspaziergang an abgeholzten Hängen und gewaltigen Holzlagern vorbei. Hitze und Trockenheit laugt die Bäume aus, der Borkenkäfer gibt ihnen den Rest. Auch den Menschen macht die Hitze zunehmend zu schaffen. Von den zehn Jahren mit den meisten Hitzetagen (über 30 Grad Celsius) seit 1950 fallen allein sechs in den Zeitraum von 2010 bis 2020. Ein weiteres Phänomen ist der immer häufiger lokal auftretende Starkregen, der binnen weniger Minuten ganze Ortschaften überfluten kann. Anfang Juni sorgte Tief „Olger“ für Unwetter und ergiebige Regenfälle, die mit lokalen Überschwemmungen und vollgelaufenen Kellern noch vergleichsweise harmlos ausfielen. Weit darüber hinaus geht das Schadensausmaß von Tief „Bernd“, das im Juli Teile von Westdeutschland unter Wasser setzte. In den überspülten Ortschaften waren zahlreiche Todesopfer zu beklagen, wurden Gebäude vollständig zerstört und nahmen Straßen und Brücken erheblichen Schaden. In Teilen Südeuropas dagegen war es das Zusammenspiel von anhaltender Trockenheit, Rekordtemperaturen von über 40 Grad und starkem Wind, das verheerende Waldbrände entfachte.

Zwei neue Gewissheiten, ein Weckruf

Dass wir mitten im Klimawandel stecken, bestätigt auch der am 9. August 2021 vom Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) vorgelegte Sachstandsbericht. Angesichts einer verbesserten Datenlage und präziserer Modellierungen schafft der neue Klimabericht gleich noch zwei Gewissheiten: Die Erderwärmung ist nicht nur menschengemacht, sondern vollzieht sich auch weitaus schneller als bisher angenommen. Legt man die derzeitige Entwicklung zugrunde, würde sich die Erde im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter bis zum Jahr 2030 um 1,5 Grad Celsius erwärmen – zehn Jahre früher als noch 2018 prognostiziert.

Umso dringlicher ist es, die 1,5-Grad-Grenze bis zum Ende des Jahrhunderts auszudehnen, wie es auf der Pariser Klimakonferenz 2015 verabschiedet wurde. Viel Spielraum besteht nicht. Denn von den fünf wissenschaftlich ausgewerteten Klimaszenarien ist nur jenes erfolgversprechend, das den sofortigen Klimaschutz voraussetzt: Dazu müssten wir bis 2050 klimaneutral leben und wirtschaften und danach sogar noch CO2 aus der Atmosphäre zurückholen (negative Emissionen). Nur in diesem Szenario könnte der Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 auf etwa 1,5 Grad begrenzt werden. Machen wir dagegen so weiter wie bisher, sind 5,7 Grad zu erwarten. Zum Vergleich: Schon bei einer Erwärmung um 2 Grad würden extreme Hitzeereignisse 14-mal wahrscheinlicher und Starkregen 70% häufiger vorkommen, der zudem noch bis zu 30% heftiger ausfiele. Die Folgen, die im Bericht erstmals auch regional betrachtet werden, wären zunehmende Starkregenereignisse in Nordamerika und Europa sowie mehr Dürren in Afrika, Südamerika und im Mittelmeerraum. Ebenfalls ernüchternd fallen die Daten zum „Carbon Budget“ aus – der Menge an CO2, die die Atmosphäre noch aufnehmen kann, ohne dass die Temperatur über 1,5 Grad steigt: Hier verbleiben gerade noch 400 bis 500 Gigatonnen. Legt man den Ausstoß des Jahres 2018 in Höhe von 42 Gigatonnen zugrunde, müsste die Emission in zehn Jahren auf null heruntergefahren sein.

Zwölf Maßnahmen sollen es richten

Wir stehen also vor der größten Herausforderung unserer Zeit. Das hat auch die Europäische Union erkannt, die den Klimawandel stoppen will. Gleichzeitig sieht sie darin die Chance für eine Neuausrichtung von Wirtschaft und Gesellschaft. Die konzeptuelle Grundlage für diesen „grünen“ Wandel ist der im Dezember 2019 beschlossene European Green Deal: Alle 27 EU-Mitgliedsstaaten haben sich verpflichtet, Europa bis zum Jahr 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. In einem ersten Schritt sollen die klimaschädlichen Emissionen bis zum Jahr 2030 um 55% gegenüber dem Stand von 1990 gesenkt werden. Wie dieses Ziel erreicht werden soll, hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 14. Juli mit dem umfassenden Gesetzespaket „Fit for 55“ vorgestellt. Die darin enthaltenen zwölf Maßnahmen beinhalten Korrekturen zu bestehenden Richtlinien sowie neue Maßnahmen zur Umsetzung des erst Ende Juni beschlossenen EU-Klimagesetzes. Allesamt sind darauf ausgerichtet, die Politik in der EU umzugestalten, insbesondere in den Bereichen Klima, Energie, Verkehr sowie Landnutzung und Steuern. Dabei wird die EU nicht müde zu betonen, dass der Übergang fair, grün und wettbewerbsfähig sein soll. Gleichzeitig wird er aber weitreichende Folgen haben – sowohl für die Mitgliedsstaaten als auch deren Bürger und vor allem für die Wirtschaft.

Zentrales Vorhaben sind die verschärften Vorgaben für den Handel mit Verschmutzungsrechten, die energieintensive Industrieunternehmen seit 2005 (EU-Emissionshandelsgesetz) erwerben müssen. Hier soll die Gesamtzahl der Zertifikate schneller verringert werden, wodurch deren Preis steigt, was im besten Falle einen Boom bei den erneuerbaren Energien auslösen könnte. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr zunehmender Konkurrenz aus dem außereuropäischen Ausland mit niedrigen Klimastandards, der die EU ab 2026 mit dem sogenannten Grenzausgleichsmechanismus (siehe „Think-Tank“) entgegenwirken will. In den Emissionshandel mit einbezogen werden soll künftig auch die Schifffahrt. Zusätzlich ist – voraussichtlich ab 2026 – ein separates Emissionshandelssystem für den Straßenverkehr und den Gebäudesektor geplant. Das könnte Kraftstoff und Heizöl verteuern, würde also vor allem Autofahrer und Hausbesitzer belasten. Zum Ausgleich, um Privathaushalte sowie Kleinstunternehmen und Verkehrsteilnehmer zu unterstützen, soll ein Klima-Sozialfonds geschaffen werden, der sich aus den Einnahmen dieses zweiten Emissionshandels sowie weiteren Mitteln aus den Mitgliedssaaten speist. Ein weiteres Ziel der EU-Kommission ist, die Erzeugung von Energie aus erneuerbaren Quellen auf 40% (zuvor: 27%) auszubauen. Des Weiteren sieht die neue Energieeffizienz-Richtlinie ein verbindliches Jahresziel für die Senkung des Energieverbrauchs in der EU vor. Hierbei soll der öffentliche Sektor einen besonderen Beitrag leisten, indem er jährlich 3% seines Gebäudebestands saniert. Vor einem grundlegenden Wandel steht die Automobilindustrie, die derzeit für etwa ein Fünftel der EU-weiten Emissionen verantwortlich ist: Geplant ist, dass bis 2030 die CO2-Emissionen von neuen PKW um 55% unter das heutige Niveau sinken, bevor 2035 nur noch emissionsfreie Neuwagen zugelassen werden. Da das gemäß dem aktuellen Stand der Technik nur mit Elektroautos umsetzbar ist, macht die Kommission zusätzlich die Vorgabe, auf großen Straßen alle 60 Kilometer Ladesäulen einzurichten.

Erwartungsgemäß unterschiedliche Reaktionen

Angesichts der Tragweite der Gesetzesvorschläge wird es dauern, bis am Ende alle 27 Mitgliedsstaaten sowie EU-Parlament und EU-Rat zustimmen, damit die Regeln in Kraft treten können. Kritik gibt es schon jetzt: Während Umweltschützern die Vorschläge teils nicht weit genug gehen, warnen Vertreter aus der Industrie vor zusätzlichen Belastungen. Letzteres ist sicherlich nicht falsch, zumal es für alle Beteiligten – Unternehmen wie Verbraucher und Staatshaushalte – teurer werden dürfte. Nichts zu tun, würde aber angesichts der zu erwartenden Schäden infolge des Klimawandels aller Voraussicht nach größere Kosten verursachen. Brüssel ist indes überzeugt davon, dass „Fit for 55“ Unternehmen die Chance bietet, unter anderem mit Innovationen zu grünen Vorreitern zu werden und dabei viele Arbeitsplätze zu schaffen. Einige Branchen befassen sich schon seit Längerem mit dem Thema, wie die Stahlindustrie, die mit alternativen Verfahren neue Wege sucht, um die Dekarbonisierung voranzutreiben (siehe auch „Was ist eigentlich?“). Ein gutes Stück weiter ist da die Automobilindustrie: Hier haben sich viele der großen deutschen und europäischen Hersteller bereits selbst das Ziel gesetzt, auf emissionsfreie Fahrzeuge umzustellen. Ungleich schwerer wird es der Gebäudesektor haben: Hier gilt es nicht nur, die Wirtschaftlichkeit sowohl aufseiten der Mieter als auch der Vermieter zu wahren. In Betracht gezogen werden muss auch, dass angesichts ausgelasteter Kapazitäten in der Bauwirtschaft die Preise für Bauleistungen weiter anziehen und so das Sanieren zusätzlich verteuern.

Gemeinsam handeln

Dass sich die EU viel vorgenommen hat, zeigt allein der Vergleich mit den bislang seit 1990 eingesparten Treibhausgasen: In drei Jahrzehnten haben wir es gerade einmal auf 24% gebracht, fehlen also noch 31% bis 2030. Gelingt das Brüsseler Vorhaben auf allen Ebenen, wird damit allein dem weltweiten Klima nicht viel geholfen sein, macht Europa doch nicht einmal ein Zehntel der weltweiten Treibhausgasemissionen aus. Auf jeden Fall aber hätte es Vorbildcharakter für andere Länder. Denn klar ist auch, dass die globale Erderwärmung nur aufzuhalten ist, wenn die Weltgemeinschaft an einem Strang zieht. Ob das erreicht werden kann, wird der im November stattfindende 26. UN-Klimagipfel in Glasgow zeigen.

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